Die künstlerische Praxis von Angèle Verret
In Montreal ansässig, widmet sich Angèle Verret als bildende Künstlerin und Malerin der Erforschung visueller Welten. Ihr künstlerischer Weg wurde maßgeblich von einem langjährigen Interesse an der Fotografie geprägt – eine Richtung, der sie sich bereits Anfang der 1990er Jahre zuzuwenden begann. Doch dieses Interesse führt sie nicht dazu, den Pinsel beiseite zu legen; vielmehr lässt sie eine spannungsvolle Dynamik zwischen verschiedenen Arten des Sehens entstehen. Ihre Bilder existieren oft in einem Raum der Ungewissheit, in dem der Betrachter ins Grübeln gerät, ob er gerade auf eine bemalte Oberfläche oder auf eine festgehaltene Fotografie blickt.
Das Werk von Angèle Verret lebt gerade von dieser Ambiguität. Sie erschafft Bilder, die eine quasi-fotografische Qualität besitzen – eine Methode, die den Blick des Betrachters in Zweifel zieht. In ihren Kompositionen vollzieht sich ein stiller Kampf zwischen dem Malerischen und dem Fotografischen. Indem sie diesen Zweifel bewusst zulässt, entzieht sie sich der einfachen Repräsentation und konzentriert sich stattdessen auf die flüchtige Art und Weise, wie ein Bild erscheint und dann wieder aus dem Blickfeld verschwindet.
Technik und künstlerischer Stil
Das Werk konzentriert sich auf die unsichere Natur des Bildes. In vielen Stücken herrscht ein bewusster Verzicht auf die bloße Repräsentation vor. Stattdessen wird die Oberfläche zu einem Ort, an dem leicht kolorierte Pigmente in Schichten aufgetragen werden. Diese Schichten entstehen durch eine spezifische, gestische Bewegung, die eine physische Präsenz auf dem Bildträger aufbaut. Dieser Prozess verleiht den Werken eine taktile Qualität und betont das Relief sowie die Rauheit der Oberfläche. Das Ziel ist es, das Unausgesprochene und Unsichtbare zu malen, indem die Spuren der Gestik und die Spannung zwischen dem, was erscheint, und dem, was wieder verschwindet, eingefangen werden.
Es besteht eine ständige Ambivalenz zwischen dem Malerischen und dem Fotografischen. Einige Oberflächen sind so komponiert, dass sie sowohl im Positiv wie auch im Negativ gelesen werden können. Diese Qualität spielt oft auf die visuelle Logik eines fotografischen Negativs an, doch die Materialität des Pigments lenkt den Fokus stets zurück auf die Realität der Farbe selbst. Die Bilder verharren nicht in einem einzigen Zustand; sie existieren in einem Raum, in dem die Grenze zwischen einem festgehaltenen Moment und einer bemalten Oberfläche dauerhaft verschwommen bleibt.
Ausstellungen und bedeutende Sammlungen
Die künstlerische Präsenz von Angèle Verret spiegelt sich in mehreren bedeutenden institutionellen Sammlungen in ganz Québec wider. Ihre Gemälde sind im Musée national des beaux-arts du Québec (MNBAQ), im Musée des beaux-arts de Montréal (MBAM), bei Hydro-Québec, der Ville de Montréal sowie bei Loto-Québec zu finden. Diese Bestände verankern ihr Schaffen fest im öffentlichen und unternehmerischen Gedächtnis der Region.
Ihre Ausstellungsgeschichte umfasst zudem zahlreiche Gruppenausstellungen, die ihre Werke in einen lebendigen Dialog mit anderen Künstlerinnen und Künstlern traten. So war sie beispielsweise zwischen 2015 und 2016 an der Ausstellung ELLES aujourd’hui im Musée des beaux-arts de Montréal (MBAM) beteiligt. Bereits im Jahr 2011 fand ihre Arbeit in der Ausstellung Loin des yeux près du corps in der Galerie de l’UQAM Beachtung. Darüber hinaus war sie an zwei Ausstellungen im Musée national des beaux-arts du Québec (MNBAQ) beteiligt: Chimère/Shimmer im Jahr 2010 sowie Avancer dans le broufog in den Jahren 2004 bis 2005.
Auch Einzelausstellungen haben ihren Werdegang maßgeblich geprägt. Im Jahr 2003 präsentierte sie die Ausstellung Angèle Verret : Co_ïncidence im Plein sud in Longueuil, Québec. In jüngerer Zeit wurde ihr Werk in der Ausstellung Se perdre en forêt im Jahr 2017 in den Galerien von Roger Bellemare und Christian Lambert gewürdigt.
Bedeutende Werke und katalogisierte Stücke
Die Präsenz ihrer Werke in öffentlichen Sammlungen ermöglicht es, die Entwicklung ihrer visuellen Sprache nachzuverfolgen. Im Musée Des Beaux in Québec City findet man das Werk Also, They Have a Relationship with Darkness. Dieses Stück existiert neben anderen bedeutenden Arbeiten, die von Institutionen wie dem Musée des beaux-arts de Montréal, Hydro-Québec und der Ville de Montréal gesammelt wurden. Diese Sammlungen bewahren die Spuren ihres langjährigen Engagements für das Zusammenspiel von Licht und Pigment auf einer Oberfläche.
Betrachtet man spezifische Arbeiten, so entstand Figurer le gris im Jahr 2000. Dieses Werk ging aus einer Forschungsphase hervor, in der untersucht wurde, wie Pigmente geschichtet werden können, um Relief und Textur zu erzeugen. Im Jahr 2010 schuf die Künstlerin ...dire ce qu’il faut pour les rattacher..., ein Acryl auf Leinwand mit den Maßen 102 cm x 244 cm. Im selben Jahr vollendete sie ...qui en découle..., (mondschein), ein quadratisches Acrylwerk auf Leinwand mit 152 cm x 152 cm. Diese Arbeiten zeugen von einem beständigen Interesse an der physischen Applikation von Material und der Art und Weise, wie es eine Spur hinterlässt.
Später, zwischen 2014 und 2015, produzierte sie Lot 24 …écrire à peu près…. Dieses 107 x 107 cm große Acryl auf Leinwand setzt die Erkundung fort, wie ein Bild durch das Schichten von Farben erscheinen oder wieder verschwinden kann. Jedes Stück fungiert als Zeugnis eines spezifischen Augenblicks des Farbauftrags, in dem die Geste und das Pigment für den Betrachter sichtbar bleiben.