Der Spiegel der Identität
Im Jahr 1951 wurde in Osaka, Japan, ein Kind in eine Landschaft hineingeboren, die maßgeblich von den Nachwirkungen der amerikanischen Besatzung geprägt war. Aufgewachsen inmitten des Zustroms westlicher Musik, Filme und Mode, erlebte Yasumasa Morimura eine Ära, in der kulturelle Grenzen in ständigem Wandel begriffen waren. Seine frühe Ausbildung an der Kyoto City University of Art führte ihn zu dem Studium bei Y. Ernest Satow, einem Fotografen des Life-Magazins, der ihn mit den Techniken der französischen humanistischen Tradition vertraut machte. Diese frühen Jahre widmete er der Schwarz-Weiß-Stilllebenfotografie und skulpturalen Assemblagen aus Fundstücken, wie etwa seinem Werk Tabletop City (Arch of Triumph) aus dem Jahr 1984, in dem eine Gabel an einem Glas lehnt, das eine Glühbirne umschließt.
Ein entscheidender Wendepunkt trat 1985 mit der Erschaffung von Portrait (Van Gogh) ein. Dies markierte den Beginn einer künstlerischen Praxis, die sich um das Selbstporträt drehte, angetrieben von inneren Fragen nach seiner eigenen asiatischen Identität innerhalb einer westlich geprägten Gesellschaft. Er begann, sein eigenes Gesicht und seinen Körper als Medium zu nutzen, um in die Rollen anderer zu schlüpfen. Durch das Tragen von Kostümen, Make-up und Requisiten gelang es ihm, in das Leben historischer Persönlichkeiten und die Sujets berühmter Gemälde einzutauchen.
Die Kunst der Transformation
Der Prozess hinter diesen Bildern ist physisch fordernd und akribisch. Er umfasst den Aufbau von Studio-Sets, die Anordnung von Dioramen und das sorgfältige Auftragen von Kosmetika, um seine Gesichtszüge zu verwandeln. Als digitale Fotografie und Bearbeitungssoftware in den späten 1990er Jahren zugänglicher wurden, wuchs auch die Komplexität seiner Kompositionen. Er begann, Lichtführung und Bildaufbau so zu manipulieren, dass er sich noch tiefer in die von ihm rekonstruierten Szenen integrieren konnte.
Durch diese Transformationen erforscht sein Werk oft ganz spezifische Themen:
- Die Fluidität der Identität und ihre Fähigkeit zur Veränderung.
- Die Schnittpunkte von Postkolonialismus und Urheberschaft.
- Die westliche Wahrnehmung Japans und Asiens als feminin.
- Die Subversion des männlichen Blicks durch die Darstellung weiblicher Stars.
Er hat eine beeindruckende Bandbreite an Personas verkörpert, vom niederländischen Meister Rembrandt van Rijn bis hin zur mexikanischen Malerin Frida Kahlo. In seiner Serie An Inner Dialogue with Frida Kahlo kopiert er nicht einfach ihr Bild, sondern erschafft eine zusammengesetzte Persona durch eine chemische Art von Reaktion aus Bewunderung und Introspektion. Ebenso erweckt er Figuren der Popkultur wie Marilyn Monroe, Liza Minnelli und Andy Warhol zum Leben und verwischt dabei die Grenzen zwischen Hochkunst und Massenmedien.
Ein Vermächtnis in Sammlungen
Morimuras künstlerisches Schaffen hat die Fotografie längst überschritten und umfasst heute Film, Video, Live-Performance und literarische Arbeiten. Im Jahr 2018 gründete er M@M (Morimura@Museum), um seine Dokumente und selbstproduzierten Ausstellungen zu beherbergen. Seine Werke sind in zahlreichen bedeutenden Dauerkollektionen weltweit vertreten, darunter:
- Das Museum of Modern Art (MoMA), New York
- Das Whitney Museum of American Art, New York
- San Francisco Museum of Modern Art, USA
- Das J. Paul Getty Museum, Los Angeles
- Museum of Contemporary Art, Chicago
- Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid
- Tokyo Metropolitan Art Museum, Tokio
Durch den ständigen Einsatz der Maskerade untersucht er fortwährend, wie Kleidung und Erscheinungsbild die Wahrnehmung eines Menschen verändern können. Seine Ausstellungen gastierten bereits in Städten wie Moskau, Pittsburgh und New York und brachten seine tiefgreifenden Untersuchungen über das Wesen des Bildes einem internationalen Publikum näher.